44.Tag: Von Straßburg nach Neuf-Brisach
Ein Tag komplett auf wunderschönen, Radwegen entlang Kanälen!! Was will man mehr.
Erkennt ihr in wieder? Das ist der Rhein-Rhone-Kanal vom Anfang der Reise. Na ja, eigentlich auch wieder nicht. denn "unser" Rhein-Rhone-Kanal kam über den Rhein bzw. über den Canal d´Alsace nach Kebs.
Dieser Rhein-Rhone-Kanal gibt irgendwann den Geist auf, bzw. wird nicht mehr schiffbar.
Was mich die ganze Reise hinweg immer wieder beschäftigt hat, ist die Frage, warum gibt es in Frankreich so endlos viele Kanäle und dazu im Vergleich in Deutschland so relativ wenige.
Vielleicht liegt es daran, dass Frankreich früh ein zentralistischer Staat war, der überregionale Projekte wie Kanalbauten eher in Angriff nehmen konnte, als die vielen kleinen Staaten auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Der König Ludwig Kanal, im Altmühltal, war auf bayrischem Gebiet aber auch erst Mitte des 19.Jahrhunderts gebaut worden. Die meisten relativ alten Kanäle gibt es in Ostdeutschland, in den preußischen Kernlanden. Und die noch heute wichtigen, wie der "Kaiser-Wilhelm-Kanal" (heißt heute natürlich nicht mehr so) entstand erst nach der Reichsgründung.
Aber zurück zum heutigen Tag.
Als ich aus dem schönen Hotel Swiss trete, kann ich die Kirchturmspitze des Münsters nicht sehen. Nebel.
Ein weiteres Indiz, dass es Zeit wird, heimzukommen.
Aus Straßburg finde ich problemlos. Die Radwege sind super ausgeschildert. Meiner fängt praktisch noch im Stadtgebiet an. Dort wo er von der Ill abzweigt.
Und im Prinzip radle ich heute über 70 km immer den Kanal entlang. Meist im Schatten von wirklich alten Platanen. Heute Morgen wäre Schatten jetzt nicht gerade nötig gewesen. Bis die Sonne es schafft den Hochnebel zu vertreiben ist es fast Mittag. Gegen 11:00 kann ich linkerhand zuerst den Schwarzwald schemenhaft erkennen. Um 12.00 Uhr sehe ich dann auch die Vogesen.
Eine kleine Falle hat der Rhein-Rhone-Kanal zu bieten.
Hier kreuzt "mein Kanal" die Ill. Wäre ich auf der linken Seite des "Kanals" geblieben, wäre ich Richtung Sélestat geradelt - nicht gut!!
Aber, wie gesagt, der Weg ist hervorragend ausgeschildert. Inzwischen bin ich auf 2 Europäischen Fernwanderwegen gleichzeitig: dem Eurovelo 5 (London-Brindisi) und dem Eurovelo 15 (den Rheinradweg). Von Anfang an steht auch Bale auf den Schildern. Obwohl es meiner Meinung nach von Straßburg nach Basel ein paar Kilometer mehr sein werden, als 120. Sei´s drum.
Es fährt sich schön heute Morgen.
Hier ist das "Nest" aus dem die ganzen Mietboote mit dem bescheuerten Namen "le boat" herkommen. Und genau hier hört der schiffbare Teil des Rhein-Rhone-Kanals auf. Runter Richtung Straßburg, und über die Ill kommen die Boote natürlich überall hin.
Wie bereits gestern, haben diese stillgelegten Kanäle etwas ganz besonderes. Hier ist er zudem voll mit Fischen.
Und: Eine weitere Entdeckung habe ich heute in den Auwäldern des alten Kanals gemacht:
Nach was sieht das wohl aus, na? Richtig, und genau das ist es auch! Hopfen. Wilder Hopfen, ganz sicher keine Waldrebe. Gerade habe ich nachgeschlagen. Der wilde Hopfen wächst tatsächlich gerne in sumpfigen Auwäldern, ist genießbar und kann zum Bierbrauen verwendet werden. Das wäre doch mal was, eine neue Nische im hart umkämpften Markt der Craft Biere. Valentin, sollen wir mal einen Versuch starten? Was ich bis heute auch nicht gewusst habe ist, dass der Hopfen zu den Canabacaen, zu den Canabisgewächsen, gehört und durchaus berauschende Wirkung haben kann. Er kann sich allerdings auch heftig auf den Hormonhaushalt auswirken. Dann vielleicht doch lieber nicht.
Als ich gegen 14:30 in Neuf-Brisach ankomme, ist es wieder richtig heiß geworden. Da ist es eher lästig, dass es mich am letzten Tag noch einmal erwischen muss. Meine Auberge mit dem schönen Namen "Aux Deux Roses" macht erst um 16:30 auf.
Also Bikeseeing im Radoutfit.
Neuf-Brisach ist wieder eine Vauban-Stadt. Die letzte, die er geplant hat. Und die "perfekteste". 1796, in nur wenigen Jahren völlig neu aus dem Boden gestampft, musste sie Breisach, auf der anderen Seite des Rheins ersetzen, das durch irgendeinen "Friedensvertrag" verloren gegangen war. Eine Reissbrettstädtchen schön anzusehen, aber so interessant wie ein Topflappen.
Das Vauban-Museum hat mir gut gefallen. 1.weil es so klein ist, 2.weil es in den Kasematten angenehm kühl war. Und ich habe viel über die Tücken des Festungsbaus gelernt, z.B. dass man vor Vauban das Problem der "Toten Winkel" in die die Verteidigungskanonen nicht schießen konnten, nicht in den Griff bekommen hatte. Erst Vauban, mit seinen sternförmigen Vorbauten schaffte die toten Winkel ab und machte es quasi unmöglich einen geschlossenen Belagerungsring, selbst um eine so kleine Festung wie Neuf-Brisach zu legen.Man hätte eine über 10 km lange Belagerungslinie aufrecht erhalten müssen.Und mein Verdacht, dass Vauban garantiert nicht bei allen 35 Festungsbauten die "Bauleitung" haben konnte, sondern dass andere die "genialen" Vaubanpläne umsetzten, hat sich heute auch bestätigt gefunden.
Ich glaube, diesen Wissenzuwachs hefte ich in meinen Ordner, "Fakten, die ich nicht wirklich wissen müsste" ab.
Schluss mit Geschichtsstunde. Es ist 16:00 ich fahre zum Hotel, und siehe da, eine nette junge Dame kommt gerade an und lässt mich rein.
Was ich mir merken muss:
Auch wenn es zum Pflichtprogramm im Elsass gehört, Churcrut zu essen. Fahrradfahren und Churcrut, das geht gar nicht. Nie wieder, verstanden?
Womit wir beim obligatorischen Reise-Resümee angelangt wären. Ich fange heute schon mal damit an:
Die wichtigsten Best-of-Listen (und Goldenen Zitronen) dieser Reise:
Fangen wir mit den Goldenen Zitronen an:
I. Die gröbsten Fehler dieser Reise:
1. Churcrut
2. Dass ich nicht irgendwann mal ein Hinterrad ausgebaut habe.
3. Dass ich mich am ersten Tag mit ohne Radwege zu sehr auf mein "Gefühl" verlassen habe. Hätte ich mich strikt an die Karte gehalten, wäre ich erheblich früher in Saint Nazaire gewesen.
II. Das schlechteste Essen:
- Alle Salate in Frankreich. Will man keine üppigen Vorspeisensalate mit Lachs, Schinken, Käse etc. ist man aufgeschmissen. Ein einfacher "Beilagensalat" ist meist schlecht gewaschen, leicht angefault, mit riesigen Blättern auf denen oben ein schrecklichen Dressing aus der Flasche drauf gekleckert wurde.Passt man nicht auf, muss man die unteren Blätter völlig ohne Dressing runterwürgen. Da könntet Ihr, liebe Franzosen, von den Italienern lernen. Stellt doch einfach Essig und Öl, Salz und Pfeffer hin, das wäre schon ein Fortschritt. (Kundenaktivierung nennt man das: die Uroma des Online Bankings)
- Edel Essen entsteht nicht dadurch, dass die Teller größer werden und um die Miniportionen Balsamico-Essig-Kringel gelegt werden.
- Warum fragt Ihr eigentlich, wie man das Fleisch will, "medium" ist nicht" rein in die Pfanne gewendet und wieder raus". Dann lieber Tartar, unter dem Sattel weich geritten.
- Pommes könnt Ihr, liebe Franzosen, aber die in Bar-le-Duc waren unterirdisch. Das Hotel hat schon nach altem Fett gerochen, die Pommes waren im Fett ertrunken.
III. Die größten Enttäuschungen der Reise:
- Belgische Biere. Warum, liebe Franzosen, seid ihr dermaßen auf belgische Biere abgefahren. Ich mag die ja auch. Aber doch nicht im Sommer und einfach so. Dabei habt ihr so leckere leichte Sommerbiere. Nein, Grimbergen et.al. sind für besondere Anlässe und nicht zum Happy Hour Saufen.
- Die Loire Schlösser. Wissen wir ja schon lange, dass viel Geld nicht guten Geschmack mit sich bringt. Viele der Loireschlösser sind einfach Kitsch hoch drei. Und die Gärten eine Zumutung. Natur auf Geometrie zu trimmen ist nicht wirklich bewundernswert. Und dass alle einen durchgeknallten Möchtegern-Sonnengott kopierten, macht die Sache nicht besser - erst recht nicht in der 24.Kopie.
- die Wassertemperaturen am Atlantik.
IV. Die Beklemmensten Augenblicke
Und jetzt die Best-of-Listen:
- Die U-Boot-Garagen von Saint-Nazaire.
- Das Grabmal der verratenen Partisanen.
- Die Geschützunterstände an den Schleusen
- Die vielen Soldatenfriedhöfe, an denen ich jeden Tag vorbei kam.
Und jetzt die Best-of-Listen:
I. Die größten Überraschungen:
- Dass Frankreich nicht annähernd so teuer war, wie ich es von der Spanienreise in Erinnerung hatte. Ein Café für 1,20 € ist akzeptabel und das war in etwa der Durchschnitt. Und Essen gehen muss nicht 30,00€ kosten.
- Dass man im Flachland satt Höhenmeter machen kann.
- Dass ich Berg kann.
II. Die besten Biere:
- Fischer
- Meteor
- San Nicolas
- Kronenbourg
- 1665 (komischerweise alles elsässische Biere)
III. Das beste Essen:
- Mein Dinner mit Daniel
- Japanisch in Toul
- Angolanisch in Saint Nazaire
- Im "Le Page" in Luneville
- (Aber eigentlich war ein großer Teller Spaghetti nach einem langen Tag auf dem Rad das Allerleckerste)
IV. Meine Lieblingsflüsse:
- Doubs
- Moselle
- Cloche (der kleine Fluss mit dem tollen Tal und den vielen Klöstern)
- Loire - sorry Loire, Länge ist nicht alles.
V. Meine Lieblingsstädte:
- Kann man Paris nicht den ersten Platz geben? Eigentlich nicht.Das gehört sich so. Aber
- Nantes
- und Straßburg
- aber auch Angers und
- Orleans waren nicht ohne
VI. Kulturelle Highlights:
- Der Kerker von Francois Villon
- Das Centre Pompidou
- Das Straßburger Münster
- Die "Offenbarung Johannes" auf den Teppichen von Angers
VII. Die schönsten (kleinen) Momente:
- Der Anblick des Meeres. Nach der Durchquerung Europas vom Schwarzen Meer bis zum Atlantik.
- Die 4 SMS an dem Tag, als die Friederike nach Hause flog.
- Die spannenden Momente jeden Tag in den "Office de Tourisme" -wenn die Damen auf meine Frage, "Wo ist das Hotel X" antworteten - "gleich da drüben".
- Oder: "Sie kommen aus Y?" Dann sind sie vor 3 km dran vorbei gekommen. Fahren sie den gleichen Weg wieder zurück.
- D 29
- D 60
- D 2
IX. Die besten Hotels:
- "Hotel Swiss", Straßburg
- "Hotel Central" Baume-le-Dames
- "Hotel de France et de Duise", Bloig
- "Auberge bretonne", Chateaubriant,
Noch habe ich einen Tag vor mir. Bis Morgen!!





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