Sonntag, 2. August 2015

17.Tag: Von Orleans nach Blois

Zu Anfang war es schon etwas seltsam heute Morgen aus Orleans zu fahren. So ganz allein. Die Stadt schien noch zu schlafen, Sonntagsruhe. Der fast-noch-Vollmond stand über der Kathedrale. Keine Angst es war schon hell! Ich bin fast wie immer losgefahren! An der Loire sind heftige Rudelbildungen zu bemerken. An den Brücken treffen sich die "Sonntagsradler" um im Pulk (Rudel, Rotte, Schule, was ist die richtige Bezeichnung für eine große Gruppe Fahrradfahrer?) die Radwege zu bevölkern. Schicke Trikots, die an älteren Herren, nicht immer so ganz chic aussehen. Das musste ich an mir selbst auch ändern. Ein, zwei Nummern größer sieht einfach besser aus.
Orleans war sehr schön. Zum Abschied hat sie noch ein kleines Geschenk für mich. Die Europabrücke über die ich zum Radweg fahre


Keine Frage: Eine von Calatrava, schöne Erinnerung an Valencia! Von der Stadt kommend hat man es besser erkannt. Aber Zurückfahren, um ein Foto zu machen - geht garnicht. 
Der Tag hat überhaupt eine Menge Abwechslung zu bieten.  
Kleine Dörfer mit uralten Kirchen, kennen wir schon. Wunderschöne Nebenflüsse. Schwäne. Richtig Sonntagsstimmung. Die Radlerpulks verteilen sich langsam. "Bschuuur!" wird seltener. 
Doch dann kommt der absolute Knaller des Tages!!! Vielleicht sogar der ganzen Reise.
Da ich mir inzwischen das intensive Studieren von Reiseführern vor jeder Etappe abgewöhnt habe, - es gäbe so viel zu sehen und zu besichtigen, dass ich wahrscheinlich nie ans Meer käme, beschließe ich je nach Laune (und Lage der Sehenswürdigkeit. Highlights auf dem Berg können gern 5 Sterne haben, nicht für mich!) was ich mir genauer anschaue. 
Nicht daran zu denken, was passiert wäre, wenn ich an Meung-sur-Loire vorbei gefahren wäre! Ich hätte glatt, die ganze Tour noch einmal machen müssen.

Das Örtchen ist heute Morgen ein einziger Markt. Und zwar einer der noch so richtig funktioniert. Mit Obst und Gemüse und Meeresfrüchten. Eine unglaubliche Schlange wartet an einem Bäckerstand. Hier kauft man für das Sonntagsessen ein. Aber natürlich wälzen sich auch jede Menge Touristen durch die Gassen. Der Autoparkplatz ist knackevoll. 
Das Schloss ist die eigentliche Überraschung.



Von außen sehr beeindruckend, aber hat man so oder so ähnlich inzwischen auch schon ein halbes Dutzend Mal gesehen.
Die Freunde von der "Mittelalter-Nachspiel-Gesellschaft" sind es auch nicht:


Auch wenn die Kollegen Musketiere ihre Musketen ganz schön krachen ließen. 
Die Inszenierungen in den einzelnen Räumen, z.T. "schön" mit Plastikschinken, Plastiktorten und Plastikobst  gestaltet

Waren es auch nicht. 

Selbst das Bad des Bischofs, wirklich etwa ganz besonderes, so eine Art Minipool in den Boden eingelassen, den sich die Bischöfe von Orleans bauen ließen- denn die wohnten  in dieser Burg längere Zeit, war es auch nicht.
Um zur eigentlichen Sensation zu gelangen, muss man tief hinunter in die Keller und Verließe

Und da war er!!!

Der Kerker, in dem mein Held, mein "großer Bruder", - Franz Villon!!! gesessen hat. François , der Gauner, das Schllitzohr, der Muschelbruder, der begnadete Dichter und Saufkopf. Hier hat ihn der Bischof von Orleans festgehalten und ihn für seine Gaunereien zum Tode verurteilt. Natürlich ist der Kerker auch eine Inszenierung,- aber wurscht! Ich war einfach von den Socken, dass es den Ort wirklich noch gibt. Viel weiß man nicht über seinen Lebenslauf, aber er selbst bezieht sich in dem "Testament" auf seine Kerkerzeit in Meung. Es ist wohl eher ein Zufall, dass er von Luis XI, der auf Durchreise war knapp vor der Hinrichtung begnadigt wurde. Diese Kerkererfahrung muss ihm so in die Knochen gefahren sein, dass er daraufhin sein bekanntestes Werk, "Das große Testament" schreibt, das mit dem Verweis auf Meung beginnt. 
"Das ich das noch erleben durfte!", um unsere liebe Freundin Barbara S. zu zitieren (sie war aber noch nicht viel über 30 als sie diesen Satz regelmäßig von sich gab).
Um zu erklären warum der Villon, Franz so wichtig für mich ist, muss ich sehr weit in die Vergangenheit zurückgehen. Es gab eine Zeit, da griff ich noch gerne und häufig zur Gitarre. Von der Folkbewegung angesteckt, kam ich schon ziemlich früh, auf den leider jung  verstorbenen Peter Rohland. Neben Lieder der Ostjuden, der Französischen Revolution,  und der 1848er, hat er auch eine LP mit Liedern von  François Villon.D.h. genauer von den genialen Übersetzungen von Fritz Grasshof aufgenommen. Peter Rohland ist so gut wie vergessen, die ganze deutsche Folklorebewegung angefangen mit Hein und Oss haben ihn geplündert. Und Kinski mit seiner Platte "Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund" und Degenhard und Biermann die kamen alle 15, 20, 25  Jahre später.
Tja, und mit diesen Liedern habe ich viele Jahre versucht mich in die Herzen junger Damen zu singen. Bis es dann irgendwann geklappt hat. Zum Beispiel mit meinem  Lieblingslied:

"Und als ich in die schöne Stadt reinfuhr"
Weil sie so lang und breit am Wasser lag, (habe ich hier an der Loire erst richtig kappiert)
da tat ich gleich bei meinem Bart den Schwur, (hatte ich damals!)
dass mich kein Hund aus dieser Stadt rauskriegt.
Da sagte ich zu mir, ich bleibe ewig dein Geliebter hier.

Da waren auch so viel Soldaten drin,
die zogen Hand in Hand mit mancher Frau,
ich aber sprang wohl zu dem Wasser hin,
und nahm mir eine Wolke weiß und blau.
Da sagte ich zu ihr, "du bist mein allerschönstes Schmeicheltier",
da sagte ich zu ihr, "du bist mein allerschönstes Schmeicheltier".

Da kam auch eine kleine Fischerin,
in ihrem weißen Segelboot daher,
sie fragte ob ich der Villon wohl wär,
der Francois und nicht ein irgendwelcher Mann,
Da sagte ich zu ihr,
"So nimm ihn schon den Schnabel und probier!
Da sagte ich zu ihr, "So nimm ihn schon den Schnabel und probier.

Es schien der wunderblaue Sommerbaum
noch lang in unserer weiches Nest im Kraut,
da wollte sie, dass dieser Sommertraum, 
nur ihr gehört und keiner andern Frau,
Da sagte ich zu ihr: "Was ewig dauert macht mir kein Pläsier,
da sagte ich zu ihr: "Was ewig dauert macht mir kein Pläsier....

Und so weiter... Ich finde es gibt schlechtere Methoden der Anmache, oder? Und schließlich hat es ja auch irgendwann geklappt!!
Ich bin richtig gehend nostalgisch geworden und habe im Verlauf des Tages sämtliche Peter Rohlandlieder gesungen, die ich noch kenne, - und das sind, wie ich zu meiner Freude festgestellt habe, noch sehr viele!!

Gegen Mittag wird es richtig heiß. Ich mache Pause wie die letzten Tage auch. 


Und hier die heutige Rätselfrage. Was stimmt nicht auf dem Bild??

Gegen 15:00 trudle ich in Blois, dem heutigen Etappenziel ein. Und merke gleich, die beschaulichen Tage sind vorbei. Das ist ein Touri-Hotspot erster Güte! Mein Hotel ein wunderschön vergammelter Bau aus dem 19.Jahrhundert,  liegt direkt unterhalb des Schlosses. Also raus aus den Radlerklamotten, kurze Pause und 2.Teil des Kulturprogramms.
Witzigerweise hat Blois, bzw. Charles de Valois, der Herzog von Orleans, auch eine Menge mit der Geschichte von Villon zu tun. Es ist zu vermuten, dass er ihm zweimal den Arsch gerettet hat. Diese etwas derbe Ausdrucksweise ist in diesem Fall gerechtfertigt, hat doch der Villon selbst mal gedichtet:
"Wem je der Strick am Halse lag, der weiß wie schwer der Arsch am Halse hängt..."
Charles hat sich nach seiner Gefangenschaft bei den Engländern, hierher zurück gezogen und hat aus Blois ein Zentrum der Poesie und Kultur gemacht. Ein Bilderbuch Renaissancefürst, der selbst dichtete und sehr wohl wusste, was für ein Genie der Villon war. Sein Sohn hat dann als Ludwig XII von hier aus regiert. Das Schloss ist wirklich beeindruckend. Die Lightshow mit Drachenballett  um 22:30 braucht es für mich nicht. 
Und schließlich habe ich noch gelernt, was es sich mit den Geusen und den ganzen katholisch-protestantischen Gemetzeln in Frankreich auf sich hat. Das ganze Blutbad hat hier in Blois seinen Ausgang genommen. Aber das ist eine andere Geschichte.
In Wirklichkeit warten doch alle darauf, zu erfahren, wie es Friederike erging. Also genug von langweiliger Geschichte,  hier ist Friederikes letzter Beitrag zu diesem Blog, frisch per Email eingetroffen:

  Mit Rückenwind von Orléans nach Engen 



Das war eine fantastisch schnelle Reise, genau 12 Stunden war ich unterwegs und habe den Plan von Mdme la Meilleure noch überholt. Trotzdem 1000 merci!
Fünfmal umsteigen, jede Station hatte dabei ihre Tücken

  1.   Paris Gare d’Austerlitz nach Gare de L’Est, 5,4 km, mitten durchs Zentrum. Ich habe mich von meinem        vorbereiteten Routenplan getrennt- hab’s irgendwie nicht so mit dem Kartenlesen- bin den Riesenkreisel      „Bastille“ zweieinhalb mal gefahren, habe mich gen Osten orientiert( inzwischen ging die Sonne auf) und       früh  mich durchgefragt. Eine Stunde habe ich gebraucht- schlechter Stundenschnitt! Zum Glück war es sehr  morgens und Samstag. Da habe ich mir anfangs die Straße mit dem Müllauto und der Straßenreinigung         geteilt. Viele Penner und viel Glasscherben. 
  2. In Belfort war die Hauptschwierigkeit, dass gleichzeitig mit mir und ein paar anderen Radlern eine       Gruppe( Familie?) mit 12 Fahrrädern in den Zug gedrängt hat und eine höchst energische   Familienmutter/Betreuerin die Kinderschar und den Mann und die Fahrräder  und das ganze Gepäck  lautstark dirigiert hat.
  3. In Muhlhouse habe ich gesehen, dass schon eine Stunde vor meinem Plan ein Zug nach Basel geht. Ob der Fahrräder mitnimmt? Die Großfamilie platzierte sich auf dem Gleis und ich drückte mich wieder mit denen rein.
  4. Dadurch war ich natürlich früher in Basel und hatte die Vermutung, dass ich auch den früheren Zug nach  Singen erreichen könnte. Wusste das ist ein Zweistundentakt, aber nicht die Uhrzeit. Der Plan von Mdme  endete ja in Basel. Am Schweizer Bahnhof kein Zugplan nach Deutschland, also ich aufs Fahrrad, quer durch Basel gerast, über jede rote Ampel drüber, im Vorbeirasen nach dem Weg gefragt. Man fährt zum Badischen Bahnhof mindestens 10 Minuten! Und geschafft!
  5.  In Singen eingefahren, gesehen, dass der Seehas noch da steht, also Gepäck schon im Zug auf das Fahrrad gepackt, raus gestürmt, die Treppe im Laufschritt genommen, zwischen Gleis 4 und Gleis 1 mit dem Rad Roller gefahren, die Treppe im Laufschritt hinauf, in den Seehas, Türen zu, abgefahren.
Juhu! Vom Bahnhof nach Hause bin ich ganz gemütlich gefahren.
Danke Bärbel fürs Haus- und Gartenhüten und die Begrüßungs-Brownies!
Und ja, heute Morgen so gegen 9 Uhr habe ich ganz sehnsüchtig mein Fahrrad angeschaut!

Eins noch und dann ist endgültig Schluss für heute:
Zum Gewinner des gestrigen Bilderrätsels, "Handhaltungen und ihr tieferer Sinn" ist einstimmig Herr S. aus E.gewählt worden.
Mit seinen beiden Vorschlägen:

Haltet ihn! Was soll mir sein Kranzgeld? 

und:

Nessie!







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