21.Tag: von Angers nach Ancenis
Drei Wochen bin ich jetzt unterwegs und das Meer ist nur noch 2 Tagereisen entfernt!!
La Mer, ......
Doch der Reihe nach.
Ich bin noch selten so unkompliziert aus einer großen Stadt hinausgekommen, wie heute Morgen aus Angers. Hat mir sehr gut gefallen, die Stadt. Viele junge Leute, gute Stimmung, nette Bars.
Auch wenn Semesterferien sind, war doch einiges los.
Schon nach wenigen Minuten bin ich auf einem traumhaften Radweg, auf der rechten Seite der Maine. Keinen Kilometer aus der Stadt raus beginnt ein "Urwald", Auwald, kleine Seen, wunderschön.
Ein Vogelparadies. Schwäne, Enten, Kormorane, Haubentaucher, Blesshühner, Möven, Seeschwalben, ...
Zunächst friedliche Stille, fast keine Geräusche, nicht einmal der Verkehr der nahen Stadt dringt bis hierher durch. Einfach schön, hier durchzufahren. Auf einmal geht ein Geschrei los. Empörung überall. Kreischen, Pfeifen, Gackern, das waren keine Warn/Angstschreie. Die waren wütend. Ich habe ja den starken Verdacht, dass dahinter mal wieder die blöden Möwen stecken. Wahrscheinlich haben sie wieder einmal falsche Gerüchte verbreitet: "Wir haben herausgefunden, dass eine große Muschel- und Fischknappheit zu befürchten ist.Mit Sicherheit liegt es daran, dass die erst kürzlich eingereisten Kormorane, uns unsere Futterplätze leer fressen. Wir müssen zusammenstehen: Der Teich ist voll!!" Typisch Möwen , eben!!
Wie schon in den letzten Tagen ist der Morgen kühl, Regenwolken ziehen über mich hinweg. Ideales Radlwetter. Es bleibt trocken.
Ein absolut ruhiger gemütlicher Vormittag. Und alles hat seine Ordnung: 9:00 TaiChi, 10:00 "äcafeäünvärdo"-Pause, 11:00 Uhr Banane. So geht Radfahren.
Dazwischen kleine Dörfer, romanische Kirchen. - und nein, diesmal nicht XI./XII. Jahrhundert. Diesmal ein supergut erhaltenes Kirchlein aus dem X.Jahrhundert. Rekord!
Ungewöhnlich, dass noch diese Deckenkonstruktion erhalten geblieben ist. Ganz besonders schön sind die Verbindungsstücke. Damit auch alles gut hält, halten Drachen, die Balken im Maul.
Entgegen meiner Ufertheorie: links interessant, rechts uninteressant, links bergig, rechts flach. Ist es heute genau anders herum- und ich bin auf der rechten Seite. Aber da ich mich nicht mehr so richtig an den Radwegschildern orientiere komme ich gut voran.
Und langweilig wird mir auch nicht. Zum Beispiel habe ich heute etwas entdeckt, was ich noch nie gesehen habe: Meine erste weibliche Vogelscheuche und eine moderne dazu:
Eine sehr nette, finde ich, ich komme einfach nicht drauf, an wen sie mich erinnert!
Dann Montjean-sur-Loire gewaltige Kirche, auf dem Berg, logisch, kann man draufkommen. Kein Bedarf.
Unten am Fluss ein Skulpturenpark. Sehr schöne Arbeiten dabei. Manches sieht nach "'Sommerkurs-Bildhauern-an-der-Loire" aus, was es wahrscheinlich auch ist. Eine Arbeit hat mir ganz besonders gut gefallen.
Wenn das nicht Erdferkel Arthur ist!! War wirklich Zeit, dass er ein Denkmal bekommt!
Dann kommt natürlich noch St.Florent le-Vieil.
NEIN! Keine Geschichtsstunde.
Aber ein wichtiger Ort für Frankreich ist es schon. Hier liegen viele Anführer des Aufstand der Vendée begraben. Nur so viel: die gängige Lesart, dass es sich hier um einen von der Kirche, dem Adel im Exil und von Sir Pitt in England gesteuerter Aufstand besonders katholisch, bodenständiger Bauern gehandelt habe, ist mit Sicherheit so nicht richtig.
Es war auch nicht die Tatsache, dass in der ersten Republik die Kirchengüter vergemeinschaftlicht wurden, es war vielmehr die Tatsache, dass die Pächter des Kirchenlandes, die Bauern, weil sie nicht genügend Geld hatten, zu kurz kamen, und ihr Land nicht kaufen konnten, und das städtische,"revolutionäre" Bürgertum auf einmal die neuen Grundherren waren.
Eine durch und durch verzwickte Angelegenheit mit dem Ergebnis, dass die Revolution ein weiteres Mal ihre Ideale in den Boden getreten, und 200.000 "ihrer Kinder gefressen hatte". 200.000 Tote, das hat ganze Landstriche entvölkert.
Oben in der Kirche sind die Gräber der Anführer. Ich bin nicht hochgefahren. Die Geschichte ist auch von unten deprimierend genug.
Aber der Weg im Vordergrund, d a s ist etwas ganz besonderes, was vor allem Joan, in Barcelona, interessieren wird, falls er diesen Blog mal lesen sollte. Natürlich weiß er, dass der Held seiner tausendund...Nächte in seinem Arbeitszimmer, hier geboren wurde. Auf dem Uferweg sind mindestens 20 Tafeln aufgestellt, die wichtige Sätze des Meisters zitieren. Schöne Idee. Aber ich war noch nie ein Freund des Lesens im Stehen - und auf Französisch schon gar nicht und seine Begeisterung für Ernst Jünger hat mich auch nicht richtig motiviert, mich mit ihm zu beschäftigen.
Ja und dann sind die 65 km schon abgefahren. Um 15:00 - wie gesagt, ein perfekter Tag, rolle ich in Ancenis ein. Das Touristenbüro liegt direkt am Radweg, alles passt.
Dort treffe ich noch einmal das nette österreichisch-französische Paar, dem ich die letzten Tage einige Male begegnet bin. Sie geben hier auf und steigen in den Zug - nach 3 Tagen. Schade, - war nett mit Euch zu plaudern. Sie hat mir heute an der Burg von Ancenis auch erklärt, warum die Türme so komisch aussehen.
War mir schon bei der Fahrt über die Brücke aufgefallen.
Seht Ihr es auch. Die Türme sind doch, wie sagt der Österreicher richtig, g´schtumpert. Das kommt wohl daher, dass weit über die Hälfte im Boden steckt. Warum? Auf der Tafel steht, dass sie zugeschüttet wurden. Mehr hat die nette Französin der Tafel auch nicht entnehmen können. Ich vermute mal, es hat sich um einen Burggraben gehandelt, in dem die Türme standen. Als man keine Gräben mehr brauchte, dafür aber Straßen, hat man den Graben einfach zugeschüttet und jetzt hat man halt 2 "g´schtumperte" Türme.
Die Burg kann man nicht besichtigen, wird wohl restauriert.
Ancenis war eine wichtige Handelsstadt. Hier hat früher einmal die Bretagne begonnen, damals als Nantes noch Hauptstadt der Bretagne war. Heute ist es Rennes (seit 1941 ?). Mir ist die letzten Tage aufgefallen, dass viele Radfahrer, die mir entgegen kamen eine Schwarzweiss gestreifte Fahne mit einer Menge Hermelinen im oberen linken Eck, dabei hatten. Sie ist aufgebaut wie die amerikanische, nur schwarzweiss und eben mit Hermelinen statt Sternen - "Gwenn ha du" - heisst sie wohl. Ob es Absicht ist, dass diese Fahne wieder Mode wurde, schließlich wurde sie von den bretonischen Kolaborateuren mit den Nazis auch benutzt.Ganz schön verzwickt- Geschichte bietet viele Fallen, man kann sie stellen oder reintappen.
Ancenis ist wirklich zum Ausruhen. Die "Stadt"-Rundfahrt dauert höchsten 15 min. Gut für mich. Endlich Zeit für den überfälligen Friseurbesuch. Die Jungs im Schickimicki-Salon waren verwirrt.Ich: "Machine" - "Nein, wir machen nur mit Schere." Ich etwas deutlicher "Machine-so kurz". "Und shampoonieren?" - "No just machine!". OK er fängt an. Sehr zögernd. Ich noch einmal: "Machine all over!" Er fügt sich in sein Schicksal, und beginnt die Rasenmähermethode - endlich. Fairerweise haben sie nicht den Preis verlangt, der aushängt. Ich zahle das gleiche wie in Engen- gut gemacht Jungs. Sie werden noch Gesprächsstoff für einige Tage haben.
Morgen also Nantes- und übermorgen, wenn die Jungfrau von Ghisallo mir gewogen ist - La Mer








Hat mir doch dieses Biest, meine "liebe " Zwillingsschwester (eineiig) wiedereinmal mein schönstes Oberteil aus dem Schrank stibitzt. Und tanzt damit in Frankreich auf den Feldern rum! Bitch
AntwortenLöschenWir haben sie schon vermisst Tante " Liesel "! ! ! ! ! ! !
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