31.Tag: Von Chartres nach Plaisir
Man sollte sich bei der Wahl seines Etappenzieles nicht von Gefühlen leiten lassen. Viel Pläsier ist heute in Plaisir nicht zu erwarten. Aber dass ich das Hotel überhaupt gefunden habe, ist mir Freude genug!!
Doch davon später:
Der Morgen ist sonnig, aber sehr kühl. Da ich die Karte für Radpilgerer ausprobieren will, fahre ich direkt runter zur L´Eure. Es herrscht eine ganz besondere Stimmung am Flüsschen. Das Wasser ist spiegelglatt. Wunderbare Bilder. Die Anwohner haben schon schöne Frühstücksplätzchen, oder!
Ich kann mich gar nicht satt sehen, an den schönen Motiven.
Ich trödel so vor mich hin, ich habe es ja heute nicht eilig. 66 km, so meine Rechnung, sollten doch leicht zu schaffen sein, auch wenn ich den Pilgern folge. Die ersten Kilometer sind wirklich sehr lauschig. Ich nehme mir mal wieder ausgiebig Zeit für TaiChi.
Nicht weit hinter Chartres begibt sich der Pilgerweg auf ganz genau die Art von Sträßchen, dich ich auch seit vielen Tage ab liebsten entlang fahre. Dazu brauche ich keinen Pilgerführer. In Maintenon ist ein berühmtes Schloss. Die Madame de Maintenon war eine Geliebte Ludwigs XIV. Trotzdem muss ich das Schloss nicht von innen gesehen haben. Witzig dagegen ist die Ruine dieses Aquädukts.
Die gehört zum Schloss und ist nur als Ruine gebaut worden. Als Stimmungsvolles Landschaftsbild. Das Ding ist ganz schön groß, wenn ihr das Auto, das gerade unten durch fährt damit vergleicht. Im Schlossgarten geht das Trumm noch ein ganzes Stück weiter. Große Bäume wachsen inzwischen oben auf der Ruine.
Irgendwann mache ich Mittagspause. Studiere ein bisschen meine Karte - und dann die Pilgerkarte - und dann meine Karte. Bis jetzt habe ich meinem Hirn frei gegeben, ich bin brav der guten Ausschilderung nach- gefahren. Jetzt entdecke ich, was ich für einen riesen Umweg ich gerade fahre. Au Mann, das wird nichts mehr mit einem entspannten Radeltag. Jetzt muss ich ein bisschen auf das Tempo drücken. Bis Rambouillet sind es immerhin noch 17 km. Also, dann man los. Nach Epernon geht es auf einmal steil hoch. Durch schöne Wälder, um dann oben über eine Hochfläche zu führen. Das Plateau de Claire.
Ich habe genug Zeit darüber nachzudenken, weshalb der Name Rambouillet so bekannt ist. Wurde da nicht im Schloss große Politik gemacht?
Ach ja, es ist die Sommerresidenz der Französischen Präsidenten, deshalb haben hier schon wichtige Treffen stattgefunden:
Ob er wohl gerade da ist? Aus Rambouillet finde ich super raus. Obwohl die kleinen Sträßchen nicht einfach zu finden sind. Ein bisschen habe ich Schiss, dass es wieder auf eine Hochfläche geht. Zum Glück nicht, es bleibt schön flach. Ich bin jetzt keine 50 km mehr von Paris.
Mit einem Schlag ist Schluss mit Idylle. Bis Les-Essarts-Le-Roi alles prima. Dann überquere ich über die N10 eine 4 spurige Schnellstraße, - kurz vor dem Kollaps. Die Pariser fahren wieder in die Stadt zurück. Und von Coigniéres an reiht sich ein Einkaufszentrum, Supermarkt, Autohändler, Baumarkt, Industriegebiet am anderen. Das macht nicht viel Spaß. Bei der Auswahl des Hotels habe ich gedacht, ich schaue, dass ich nicht allzu weit von Versailles übernachte.Morgen gemütlich hinfahre. und den ganzen Nachmittag habe in den Gärten von Versailles rumzustreunen. Montags hat das Schloss zu, aber die Gärten sind offen. Da soll es viel weniger Touristen geben. Am Dienstag schaue ich mir dann das Schloss an und fahre am Nachmittag rein nach Paris.
Was ich jetzt erst merke. Die Ortsangabe St. Quentin en Evelines in der mein Hotel, der Adresse nach liegt, ist gar keine! Das heißt, es ist die Bezeichnung für ein künstliches Gebilde aus zig Orten. Kein Mensch schert sich um "St.Quentin en Evelines" - deshalb ist mein Hotel auch keines "zum Vergnügen", sondern liegt in Pläsier - und dieser Ort, ist wie ich von netten Menschen erfahre, noch mindestens weitere 10 km weg, - gehört aber auch zu dem blöden St. Quentin.
Außerdem, so sagt man mir, müsse man einmal kräftig runter, und dann in Serpentinen wieder hoch,-nach Plaisir. So ein Mist aber auch. Ich fahre ein Stück in die Richtung. Die Schilder wollen mich auf eine 4spurige Straße lenken. Will ich aber nicht. Ich fahre geradeaus weiter. Auf einmal stehen Zuschauer am Straßenrand. Wer hat ihnen gesagt, dass ich heute hier vorbei komme? Da merke ich, dass noch andere Radler unterwegs sind. Nicht nur mit Rennrädern, sondern auch mit etwas Gepäck und einer Nummer. Dann werden es immer mehr. - Inzwischen habeich nachgeschlagen. Das ist im eigentlichen Sinne kein Rennen, sondern ein Marathon für Amateure, der dieses Wochenende stattgefunden hat.Er startet hier irgendwo in diesem Kunstgebilde St.Quentin Dingenskirchen, die Teilnehmer fahren bis Brest drehen um und fahren das gleiche wieder zurück. D.h. die Radfahrer, die ich heute gesehen habe, hatten schon 1200 km in den Beinen. Die besten sollen es in um die 44 Stunden schaffen. Die weniger ambitionierten brauchen um die 90 Stunden. Wenn ich richtig gerechnet habe, dann machen die Besten einen Schnitt von über 27 km/h und die "Laschis" sind mit immer noch über 13 km/h unterwegs. Mannomann und ich zicke rum, wenn ich mal 87 km am Tag fahren muss.
Der "Brevet" findet alle 4 Jahre statt und wird komplett ausgeschildert, bzw. an allen Kreuzungen stehen Helfer in grünen Westen, stimmt habe ich gesehen, mir aber nichts dabei gedacht :
"Eine Besonderheit der Strecke ist, dass sie sehr hügelig ist. Es sind
rund 10.000 Höhenmeter zu bewältigen. Da es zwischen Paris und Brest
keine Berge gibt, verteilen sich die Höhenmeter auf mehr als 360 meist
kurze und nicht sehr steile Anstiege. Die steilsten Abschnitte sind sehr
kurze Steigungen bei Rambouillet,"
- Ach ne, das hätte ich Euch auch so sagen können, das hätte ich nicht googeln müssen!!!
Und in der Tat manche Radler sehen ganz schön fertig aus. Einige sitzen im Grün der Kreisverkehre, als wären sie nicht mehr in der Lage weiter zu fahren. Es heißt auch, dass das Schlimmste der fehlende Schlaf sei.
Jetzt wundert es mich überhaupt nicht mehr, warum es so schwer war in dieser Gegend Hotelzimmer zu bekommen. Mein Hotel "Plaisir" ist komplett voll mit Radlern, die sich mehr oder weniger mühsam durch die Gänge schieben. Ich falle hier überhaupt nicht auf!!!
Aber ich greife vor. Noch bin ich nicht im Hotel, sondern eher verloren. Ich frage eine Zuschauerin, und siehe da, sie kann perfekt Deutsch, und weiß sogar einen Weg, auf dem ich nicht mehr runter ins Tal muss! Klappt alles wunderbar 4.Ampel links, immer gerade aus, super!
Doch dann kurz vor meinem Ziel beginnt eine Riesenbaustelle, ein provisorischer Kreisel am anderen. Das Schild nach Plaisir zeigt erste Ausfahrt rechts, die Absperrung lässt mich nicht raus. Ich nehme die nächste Ausfahrt und lande irgendwann wieder beim ersten Kreisverkehr. Das ganze bei dichtem Verkehr.
Um es kurz zu machen, ich fahre über den Parkplatz eines Restaurants, treffe einen Radler, der kennt sich aus. Zeigt mir einen kleinen Schleichweg. Ich komme tatsächlich im Hotel "Plaisir" an, vom Ort gleichen Namens allerdings keine Spur. Nein, ich fahre nicht noch einmal los, um Essen zu gehen. Der junge Mann an der Rezeption hat Verständnis. Den anderen 3 Dutzend Fernradlern geht es ähnlich. Er hat alles im Griff und bestellt für mich auf 19.00 Uhr eine Pizza. Super! Und Bier hat er auch im Kühlschrank. Was kümmert mich Plaisir!!
Was mich heute Abend noch beschäftigen wird, ist, wie ich nach Versailles komme. Es sind nicht mehr als 20 km, aber wie ich hier, "gestrandet" im Autobahnkreuz, gefangen zwischen Gleisen, Brücken, Industrieanlagen und Supermärkten je wieder raus komme,
das werdet ihr - hoffentlich - Morgen erfahren.
Was ich mir merken muss:
Weist ein Schild in Richtung "Plateau de Claire" oder Pierre, dann heißt das nicht, dass die Claire oder Pierre eine bestimmte Art von Schuhen bevorzugen, sondern dass es da auf eine Hochfläche rauf geht. Vielleicht berücksichtigst du das bei den nächsten Etappen.
Was ich mir nicht merken muss:
2019 gibt es die nächste Brevet: Paris-Brest-Paris.






Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen