20.Tag: Von Chouze-sur-Loire nach Angers
Die Huberschen-Kartographischen-Verlagsanstalten und die "Falte" im Raum- Zeitkontinuum haben mich gewaltig vorwärts geschoben.
Doch von Anfang an:
Die Fotos von gestern haben die "Federbollen" nicht richtig wieder gegeben. Heute Morgen hat es besser geklappt:
Vier von diesen - alles echte Federn und etwa ein halbes Dutzend ausgestopfter Vögel, (ein Specht über der Toilette), waren nur ein kleiner Teil der Dekoration meines Zimmers.
Zum Frühstück saßen wir uns wieder gegenüber. Mein Gastgeber, nennen wir in Daniel (Name von der Red. geändert), und ich frühstückten, wie schon gestern Abend beim Abendessen, sehr kultiviert. Feinstes Porzellan, Silberkaffeekanne. Das Frühstück, alles "hömmäd" richtig gut. Kein Vertun.
Als wir uns so gegenüber saßen, auch Daniel scheint ein wenig ein Morgenmuffel zu sein, heute ohne Küchenschürze, aber dafür im Muscle-T-Shirt, tut er mir irgendwie leid. Ich glaube er ist ein sehr einsamer Mensch. Die "Schätze" die er um sich herum aufgehäuft hat, sind zu Mauern geworden. Heute hat er mir erzählt, dass er 3 weitere Häuser in der Gasse zur Loire aufgekauft hat. Letztendlich um seine Beute unterzubringen - offiziell, um weitere Bed&Breakfast-Zimmer "einzurichten" - in die wahrscheinlich kaum jemand kommt. Gestern war ich der einzige Gast.
Wie soll ein anderer Mensch hier mit ihm leben können. Bed&Breakfastgästen kann man ja verzeihen, dass sie mal Unordnung veranstalten.
Daniel hat mir sogar geholfen, mein Fahrrad zu packen. Klar auch ich habe mein "System". Ich lasse den Testballon los: "You know, everything has to be in it´s place". Ihr hättet sehen sollen, wie das Gesicht vor Verständnis erstrahlte.Heute habe ich Andwari getroffen.
(für die jüngere Generation,- der Golem aus "Herr der Ringe" ist ziemlich stark vom Niebelungenlied abgekupfert)
Was ich mir für heute gewünscht habe - mal wieder einfach so vor mich hin zu radeln. Keine Highlights, keine Hotspots, einen völlig ereignislosen Tag.
Bis Angers sollen es um die 70 km sein.
Der Morgen ist frisch. Es ist bewölkt. Die Schilder des Eurovelo oder des Velo a Loire lassen mich kalt. Die Sträßchen sind klein, der Verkehr mäßig. Da komme ich voran.
Ich überschreite bei Saumur schon früh am Morgen eine unsichtbare, aber äußerst bedeutungsvolle Linie.
Greenwich und Saumur liegen offensichtlich auf dem O. Längengrad. Die letzten beiden Tage ist mir in der Tat aufgefallen, dass es morgens immer später hell wird.
So langsam verstehe ich auch, wie die beiden Seiten der Loire "funktionieren". Linke Seite, die "Klippen" aus Tuffstein. Ich habe die letzten Tage irrtümlich von Sandstein gesprochen, weil die Hänge oft fast weiß sind. Aber heute habe ich gelernt, dass die Troglodyte anscheinend sowohl die Tuffsteinhöhlen, wie auch deren Bewohner sind. Denn die Höhlen dienen nicht nur als Weinkeller, Schneckenzuchtanstalten und zur Champignonzucht, sondern es gibt immer noch "Höhlenmenschen", ja sogar Gite, Touristenunterkünfte.
Besonders beeindruckend fand ich, dass die Höhlenbewohner, z.T. durchaus im "Baumarkt" einkaufen. Moderne Türen führen in die "Unterwelt". Super!
Natürlich bin ich so lange wie möglich auf der linken Seite geblieben, denn auf dem rechten Ufer herrschte solide landwirtschaftliche Langeweile. Effiziente Landwirtschaft mag viele Menschen ernähren, macht die Welt aber nicht unbedingt abwechslungsreicher.
Für das "Champignonmuseum" war ich zu früh dran, macht erst um 10:00 Uhr auf. Das Schneckenmuseum hatte heute zu. So ein Pech aber auch. Aber immerhin fand ich wieder eine Höhle, in der es Kaffee - Schnecken- und Pilzführungen gab - einschließlich einer Weinverköstigung. Ich habe mich mit einem Kaffee begnügt - der war gut und die Leute nett.
Und sonst? Romanische Kirchen aus dem 11. und 12. Jahrhundert. Chateaus, Chateaus, Chateaus.
Kurz vor Gennes waren sie so dicht nebeneinander, dass man schon fast von einer Chateaureihenhaussiedlung sprechen kann. War wahrscheinlich der niedere Adel, der auch so am Rande einer guten Adresse ein Häuschen haben wollte.
Aber wie eigentlich jeden Tag komme ich dann doch an etwas vorbei, was mich wirklich packt.
Heute war es die Notre Dame de Cunault. Eine unglaublich große Kirch für einen so kleinen Flecken. Nicht romanisch wie sonst, sondern gotisch.
Mit erstaunlich vielen Resten von Innenbemalungen, wie sie selten sind aus dieser Zeit. Gotisch ist doch klar, farblos,- Architektur! Und hier fanden sich auf allen Säulen und an den Wänden, Reste, die darauf hindeuten, dass der ganze Innenraum farbig gestaltet gewesen sein muss, sogar die Säulen.
Und dann sind es oft Gesichter, die mir im Gedächtnis hängen bleiben, weil sie für mich auf ganz besondere Weise lebendig rüber kommen, nach vielen hundert Jahren:
Vielleicht kann man es auf dem Foto nicht gut erkennen, aber es ist ein ganz individuelles menschliches Antlitz.
Dann kommen einige wirklich nette Dörfer. Die Häuser stehen links der Straße am Hang, und die Gärten dazu auf der rechten Seite, dann geht es runter zum Fluss. Dort wo sie die Gärten nicht zu Autoparkplätzen umfunktioniert haben, sind das wunderschöne Ortsbilder.
Auch der schönste Links-Loire-seitige-Vormittag geht einmal zu Ende. Angers liegt auf der rechen Seite, eigentlich überhaupt nicht mehr an der Loire. Von der Brücke ab sind es auf dem Radweg 24 km, auf dem Landsträßchen 12. Ich könnt euch denken, wo ich langpreschte.
Gegen 15:00 war ich in Angers. Reich an Sehenwürdigkeiten, aber unter einer Hitzeglocke. Also ein Kompromiss: ein wenig im Hotel ausruhen und dann noch einmal los.
Die Kathedrale
Groß und mehr kann ich nicht dazu sagen.
Das Schloss - besser die Burg hat es allerdings in sich
Erkennt man sofort wieder. Die gestreiften Türme sind einmalig. Aber was mich noch mehr fasziniert hat, ist im inneren der Burg zu sehen.
Die Tapisserien der Apokalypse. Louis I. hat sie 1375 in Auftrag gegeben. 104 m lange und 5 m hohe Wandteppiche, die die Offenbarung des Johannes thematisieren. Das ist wirklich sehenswert. Wäre sehenswert, wenn die wertvollen Teppich nicht so dunkel hängen müssten, dass man nur mehr einen schwachen Eindruck von dem gewaltigen Bilderfries bekommt. Die einzelnen Themen sind durch goldene Rahmen getrennt.Die Hintergründe sind entweder rot oder blau.
Das ist eine Bildprogramm, mit dem ich mich noch genauer beschäftigen muss. Aber dazu sind Reisen ja da, dass man "Hausaufgaben" bekommt!
"Ein Tier
mit zehn Hörnern und sieben Köpfen steigt aus dem Meer. Es bekommt für
42 Monate Macht über alle Völker, lästert Gott und bekämpft die
Heiligen. Ein anderes Tier mit zwei Hörnern, der falsche Prophet, steigt
aus der Erde. Es bringt die Menschen dazu, das erste Tier anzubeten,
und zwingt sie sich mit der Zahl seines Namens, 666, zu kennzeichnen."
Und so geht es immer weiter. Ein Bilder- und Ideenreichtum ohnegleichen. Die Teppich sich recht gut erhalten. Sie sind so groß, dass sie nie aufgehängt werden konnten. Nach der französischen Revolution hat man Putzlumpen, Abdeckplanen und Bettvorleger aus ihnen gemacht, bis sie im 19.Jahrhundert restauriert wurden.
OK. Ich wollte einen ereignislosen Reisetag. Das ist an der Loire nicht möglich. Aber schön war`s. Ein toller Tag.
Bis Morgen.







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