Donnerstag, 20. August 2015

35. Tag: von Paris nach Meaux

Der 35. Tag geht in mein Radlerleben als einer der abenteuerlichsten "ever" ein! Eine komplette Achterbahnfahrt, mit jeder Menge Überraschungen, guten, wie schlechten.

Irgendwann musste es mich ja mal erwischen!! Über 8.000km ohne eine einzige Panne, das konnte nicht ewig so weiter gehen! Und heute war es so weit. Ich hatte meinen ersten Platten! Hinterrad!

Aber von Anfang an.

Paris hat meinem Magen nicht gut getan. Zum ersten Mal hatte ich in der Nacht Probleme! Der Tag fängt ja gut an. Muss sehr vorsichtig sein, was ich frühstücke.   

Es zeichnet sich früh ab, dass ich an diesem Tag nicht trocken an mein Ziel komme. Alles was meine Taschen als Regenschutz zu bieten haben, liegt oben.

Mein Hotel "Armstrong"  ist , wie erhofft, optimal für mich, um aus Paris  rauszufahren. Nach weniger als einem Kilometer, bin ich aus der Kernstadt raus. "Montreuil ist Ostparis" steht auf den Werbebannern der Stadt. Montreuil lässt langsam die graffitiverzierten Rollläden ihrer kleinen Geschäfte hoch. Die Hauptstraße wirkt noch "orientalischer" als St.Simon. Mich stört nicht, dass es anfängt zu nieseln. Ich findedie Straße zum nächsten Stadtteil/Ort problemlos, jetzt haben sie schon s/M im Namen. Es geht leicht den Berg hoch. Auf einmal. werde ich langsamer, dann höre ich die Felge. Innerhalb von wenigen Metern ist mein Hinterreifen komplett platt. Der Regen wird stärker. DAS IST NICHT SCHÖN!! 
Im ersten Anflug von Verzweiflung, überlege ich ob ich hier meine Taschen leeren soll, um ganz unten an den Ersatzschlauch zu kommen. Nein, das geht gar nicht. Ich laufe zurück Richtung Stadtzentrum. Und frage vorsichtshalber mal nach einen Radgeschäft, wer weiß ... Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich noch nie einen Hinterreifen an einem 28 Gang Fahrrad gewechselt habe. Ich habe eine ziemlich gute Erklärung im Internet gefunden, und auf dem Netbook gespeichert (habe ich früher nicht immer über die Schüler gelästert, die sich etwas im Internet anschauen und danach glauben sie könnten "Drachenfliegen") Wie war das nochmal? 
1. Gangschaltung hinten auf den kleinsten Gang, - oder war es der größte!! Das kann heiter werden. Ich frage einen indischen Gemüsehändler. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob er mir auf französisch geantwortet hat,- macht eh keinen Unterschied, aber was ich verstanden habe, war "Decatlon". Sollten sie hier in einem Decatlonladen, Fahrräder reparieren? Ein wenig weiter, bestätigt mir ein Mechaniker an einer Tankstelle, dass mein indischer Freund recht hatte. Ich stapfe im Regen, der Beschreibung folgend zurück Richtung Paris. Der Kilometer von dem sie gesprochen haben, muss nach Seemeilen berechnet gewesen sein. 
In dem Moment, an dem der "ergiebige Landregen" in ein handfestes Gewitter übergeht, erreiche ich tatsächlich das Decatlon Geschäft - und es hat schon auf!
Aber was mich hier erwartet, haut mich fast aus meiner Regenhose. Der nette junge Mann, sagt "kein Problem" - ein neuer Schlauch kostet 10,- €. Ich soll zur Kasse und zahlen. Vorher mache ich meine Taschen ab, kann sie unter seinem PC-Tisch stellen. Bis ich zurück komme, hängt mein Fahrrad schon am Haken. Bis ich mir einen Platz zum Sitzen gesucht habe, kommt der Mann mit den magischen Händen schon zurück - Fertig!!!! Er zeigt mir einen ziemlich üblen Nagel. Da hilft kein "Schwalbe-Marathon-extra-verstärkt". Was es kostet? die 10,00€ - ich hätte schon gezahlt!! Das kann ich jetzt nicht glauben! Als ich ihm ein fettes Trinkgeld in die Hand drücke, ist nicht mehr klar, wer an diesem Morgen fröhlicher gegrinst hat - er oder ich! Gut so!

Hier arbeitet der beste Fahrradmechaniker aller Zeiten - das Ganze hat keine 10 Minuten gedauert - und meine Reise kann weiter gehen.
Könnte weiter gehen. Aber es schütttet heftig. Also setze ich mich in die Bar nebenan und schaue in den Regen.
Irgendwann wird aus dem Gewitter wieder "ergiebiger Landregen" - also wieder aufs Fahrrad. Es ist noch nicht 11:00, da bin ich wieder an der Stelle, an der ich den Platten hatte.
Mannomann, was für ein Dusel!!!
Durch die nächsten Ortschaften finde ich den Weg zur Marne problemlos. Die nasse Fahrbahn ist ziemlich glatt - so vorsichtig wie heute Morgen bin ich noch nie gefahren. 
Dann bei Bry, die Marne!!

Ich könnte trotz des Regens singen!! Dann sehe ich auf der rechten Seite (flusstechnisch ist es natürlich die linke, denn ich fahre ab jetzt die Flüsse hoch) ein kleines Sträßchen. Das werde ich mal testen.
Und oh Wunder! Als wollte da jemand was gut machen - ein richtiger Radweg. Immer der Marne entlang. Ich kann es gar nicht glauben. Hinter jeder Flussbiegung erwarte ich das abrupte Ende.
Aber nein, es geht immer weiter. Der Regen hört auf, Zuerst steige ich aus der Regenhose. Es hat aber erheblich abgekühlt. Die Linge bleiben an.

An einem Picknickplatz unter einem ausladenden Baum mache ich Mittagspause. 

Dann, bei Champs s/M geht der Radweg in Parkwege über. Der ausgedehnte Park gehört zu einem Schloss, das ich aber nicht zu Gesicht bekomme.
Nun ist der Weg nicht mehr geteert. Aber trotzdem sehr lauschig.
Einige Kilometer weiter, - ich habe inzwischen über 13 km  keine Autos mehr gesehen. endet der Radweg. An einem interessanten Gebäude.

Ein altes Kraftwerk in einem super guten Zustand. Das ist ganz frühe Industriearchitektur. Aber so gut im Schuss?
Ich fahre weiter und komme aus dem Staunen nicht heraus.

Noch mehr fein heraus geputzte Industriegebäude. Es kommt ein großer Eingang, mit einem modernen Empfangsgebäude. Von Gästeparkplätzen  ist auch die Rede, also fahre ich hin und unterhalte mich mit der Dame an der Rezeption. Jetzt verstehe ich!
Dies hier ist die Verwaltungszentrale von Nestlé Frankreich. Die Gebäude gehören zu einer alten Schokoladenfabrik, die sie sich der Konzern vermutlich irgendwann in seine immensen Bauch geschlagen hat.  Das E-Werk gehörte zur Schokoladenfabrik.
Und Nestlé France hat aus diesem Schmuckstück der Frühindustrialisierung einen wahrhaft repräsentativen Geschäftssitz gemacht. Zu besichtigen gibt es nichts, aber die elegante Dame an der Rezeption unterhält sich gerne mit mir.
Dann geht es weiter. Der Ort dazu heißt übrigens Torcy. Gleich hinter der Konzernzentrale geht der Radweg weiter. So kann Fahrradfahren auch gehen.

Aber es fast ein zu blöder Running-Gag, dass nach solchen euphorisierenden Streckenabschnitten, irgendeine Keule kommt. 
Und die Keule von heute steckt mir auch nach Stunden noch in den Knochen. Ich hoffe nur, dass, ich nicht davon träume!!

Aus dem Radweg, wird ein Fußweg, aus dem Fussweg, wird ein Matschweg, wächst immer mehr zu, geht aber weiter. Auf der Karte habe ich gesehen, dass demnächst zwei Autobahnen über die Marne gehen. Ob ich wohl drunter durch kann? 
Bei der ersten kein Problem. 
Der Weg wird immer holpriger.
2x mal hat man umgekippte Bäume durchgesägt, damit der Weg frei bleibt. Der dritte liegt noch da. Aber ich kann mich durch die Äste quetschen. 
Ddann wird es wirklich hässlich, so etwas von hässlich. Eine wilde Müllkippe an der anderen, ich schlängle mich durch Autoreifen, Bauschutt, Tüten, riesige Brandflecken, fahre über ölverseuchte Wege. Unter der Autobahnbrücke ist fast kein Durchkommen.


Mannomann, wo bin ich da nur gelandet. Hinter der Autobahn wird es kurz besser. Ein Zementwerk hat hier seinen "Hafen", nur Zementschlamm, sonst nichts ekliges. Auf einmal häuft sich Toilettenpapier am Wegesrand. Zuerst nur vereinzelt, dann sind beide Seiten des Weges voll davon.Eine ältere Frau mit langem Rock und Kopftuch kommt  um die Ecke, refft den Rock und lässt sich nieder. Ein kleines Mädchen, die Enkelin, ruft etwas, die Frau steht wieder auf  und lacht. Ich fahre vorbei, biege um die Ecke, und jetzt verstehe ich Alles - oder gar nichts mehr. Ein riesiger Wohnwagenpark - von denen sicher kein Fahrzeug  in den letzten 5-6 Jahren bewegt wurde - total heruntergekommen. Überall Müll und Schrott - gut sortiert. Ein Berg Autoteile, Metall, Motoren, Wracks. Die Wege durch die Wohnwagen sind mit alten Teppichen "ausgelegt" damit man nicht im Dreck versinkt. Mich packt die Panik. Bloß raus hier - aber wo ist der Ausgang? Immer dem größten Weg nach, da könnte auch ein Auto noch fahren. Es dauert einige Minuten - mir kommt es wie eine Ewigkeit vor, dass ich - begleitet von Kindern und Hunden auf eine geteerte Straße komme. 
So etwas habe ich in ganz Rumänien nicht erlebt (sorry, Rumänen, das sollte keine Beleidigung sein!). 
Keine 5 Minuten später bin ich in einem "ehrenwerten" kleinen Marneort. Eines dieser Örtchen, von denen  ich schon viele 100 durchfahren habe. Aber wo war ich wenige Minuten zuvor - in einer der berüchtigten "Zeitfalten" - ich fürchte nein, ich habe einfach hinter einen Vorhang geschaut und das war nicht schön!

Im Ort frage ich, wie es weiter nach Meaux geht. Sie meinen, da gäbe es einen Uferweg. Ich sage, da komme ich gerade her und was ich gesehen habe, hat mir nicht gefallen. "Nein, nein, das sind jetzt ganz normale Wege", sagen sie und lachen.  Ich bleibe bis Meaux stur auf asphaltierten Straßen mit Nummern. Manchmal auf Radwegen, manchmal den Berg rauf, ich lasse mich nicht mehr durch noch so idyllisch wirkende Treidelpfade in Versuchung führen. Abgesehen davon, macht die Marne hier auch eine Menge wirklich "unnötige" Schleifen.Die abzukürzen bedeutet jedoch, den Berg hoch. Heute ist mir das schnurzpiepegal!!
 Es ist ein wenig später als gewöhnlich, dass ich in meinem Hotel eintreffe.
Kein Wunder bei einem solchen Tag!!

Trotz aller krassen Erlebnisse, unterm Strich, bin ich zufrieden und glücklich, dass ich jetzt hier in Meaux - d.h. eigentlich bin ich schon eher in Trilport, in der Abendsonne sitze und mein wohlverdientes Feierabendbier genießen kann.

Bis Morgen!!! 

Was ich mir unbedingt merken muss:

Du gehst nicht eher auf eine neue Radtour, bis du ein Hinterrad in 10 Minuten aus und wieder einbauen kannst. Mindestens 1x pro Monat wird geübt, verstanden!!!




 

2 Kommentare:

  1. Du bist in Trilport hoffentlich vom Bürgermeister empfangen worden?
    Wie wäre es mit einem monatlichen Blog über Deine Übungen, ein Hinterrad zu wechseln? Sorry, das ist gemein!

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    1. Tja, so ist das. Wer den Schaden hat...
      Aber vielleicht sollte ich statt eines Blogs, einen Film mit dem Titel: "13 Arten ein Fahrrad zu zerstören." einstellen. Vielleicht werde ich dann noch berühmt.

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