30. Tag: Von Nogent-le-Rotrou nach Chartres
Was war das für ein schöner Tag!
Superlativ 1: Ich bin einen Fluss (Bach?) von der Mündung in Nogent, bis zu seiner Quelle abgefahren.
Superlativ 2: Das war heute die längste Bergfahrt von allen 3 Reisen. Die im Naturpark "Eiserne Pforte" war um die 17 oder 18 km lang. Die heute war fast 30 km hinauf.
Superlativ 3: Die längste Abfahrt aller 3 Reisen, auch etwa 30km runter.
Superlativ 4: Ein Super-Zephyr hat sich zurückgemeldet. Mit einem solchen Turbo, braucht man kein E-Bike
Superlativ 5: Natürlich die "Mutter aller hochgotischen Kathedralen: Chartres!!
Doch der Reihe nach:
Der Morgen beginnt alles andere als vielversprechend. Es ist zum ersten Mal ungemütlich "frisch". Ein Jacke-Linge-Tag. Ich kann wirklich die Softshell und Beinlinge vertragen. Und zwar bis kurz vor Chartres, am Nachmittag.
Der heutige Plan geht voll auf. -Bis auf eine Ungenauigkeit auf der Karte. Bei der Ausfahrt aus Nogent, wollte ich auf eine Straße einbiegen, die dann allerdings 15 m über mir lag, und ich unten drunter sollte, was auf der Karte nicht zu erkennen war. Aber das war schon die einzige Überraschung.
Mein mulmiges O-HO! von gestern bestätigte sich voll und ganz.
Es ist ja eigentlich auch völlig logisch. Zwischen zwei Flusssystemen muss immer eine Wasserscheide liegen. Die zwischen der Loire und der Seine hatte ich heute Morgen vor mir. Der kleine Nebenfluss der Huisne, die Cloche sollte heute mein Leitgewässer sein. Ein wunderbarer kleiner Fluss. Anscheinend ein Anglerparadies für Forellenfischer.
Und tatsächlich das winzige Sträßchen bleibt angenehm weit unten im Tal. Das Tal wird immer steiler,
jedoch in einer Art und Weise, die ich wirklich flott hinauffahren kann. Dass mich Zephyr schiebt, merke ich die ersten Kilometer überhaupt nicht. Das Tal wird einsamer, "wildromantisch" (würde der Reiseführer formulieren). Kein Wunder, dass ich auf der "Straße der Klöster" bin. Wer es abgeschieden haben wollte, der war hier richtig.
Und das ist die nette kleine Cloche
Etwas anderes ist mir im Laufe des Vormittags klar geworden. Für Radfahrer wäre es gut, wenn irgendwo das Alter der Straßen verzeichnet wäre. Ich bin mir sicher, die D103 und die anderen Sträßchen stellen einen alten Straßenverlauf dar. Als man noch mit Fuhrwerken und Ochsenkarren unterwegs war, gab es für Steigungen eine Obergrenze, die so ein Gespann schaffte. In dieser Hinsicht fühlte ich mich heute Morgen sehr solidarisch mit all den vielen anderen "Ochsen", die vor mir diese Steigungen erklommen. Und im Schwäbischen sagt man ja auch von einem gewundenen Sträßchen, die geht so, wie der Ochs "nabrunzt" hat.
Hier hat der Ochs optimal gebrunzt!! (Man verzeihe mir den etwas derben Ausdruck angesichts seines bildhaften Gehaltes!)
Die ersten Ausblicke in die Tiefe hinter mir
sind äußerst trügerisch. Ich bin noch lange nicht oben.
Das merke ich schon daran, dass kurz darauf ein Schild darauf hinweist, dass es die liebe Cloche,
immer noch gibt und noch mindestens 3 Mühlen antreiben wird - von denen es allerdings höchstens noch ein paar Trümmer existieren.
Marolles-des-Buis ist ein sehr schönes Dorf, mit einer beeindruckenden Wehrkirche.
Die Hoffnung auf solchen Strecken einen Cafecito zu bekommen, habe ich längst aufgegeben.
Und es geht weiter nach oben. Inzwischen auf der D 351. Und dann die Überraschung. In Frétigny gibt es tatsächlich einen Laden mit Café. Und der hat auf. Ich werd´nicht alle!
Ich bekomme meinen Kaffee. Der Ort hat aber noch mehr zu bieten. Was ist denn da am Dachrand der Kirche?
Da sitzt doch tatsächlich ein fröhlich grinsender Hund. Die nächsten Kilometer denke ich mir die berühmte Sage vom "grinsenden Hund von Frétigny" aus.
Und gleich um die Ecke, die nächste Attraktion:
Der Wasserturm hat nicht die "Windpocken"- was hier auf der Höhe nicht verwunderlich wäre. Nein, Dorfbewohner haben ihn zur Kletterwand umfunktioniert. Genial !! Liebe Frétignier ihr habt meine Hochachtung. Aber wer einen grinsenden Hund zum Schutzpatron hat, der wird selbst auch pfiffig sein.
Und dann kommt der Moment, da es nicht höher geht. Hier und nirgendwo anders erkläre ich die Wasserscheide zwischen Loire und Seine:
Etwa 10 km fahre ich oben auf der Hochebene. Wehe das Sträßchen stellt sich quer zum Wind, dann wird es schwer die Richtung zu halten.
Doch irgendwann kommt "die andere Seite". Die nächsen 30 km geht es eher entspannt abwärts. Ich will eigentlich nur kurz auf die "rote" D 293, aber ich merke, Samstag um die Mittagszeit ist rein gar nichts los.
Liebe Franzosen, ich finde Euch toll! Ihr seid super berechenbar. Zwischen 13:00 und 14:00 wird gegessen. Basta!! Da treiben sich nur ein paar holländische Campingbusse (sehr vorsichtig!) hier in den Bergen rum.
Die D 293 ist die Straße der Befreiung. Jeden Kilometer ein kleines Denkmal:
Dies war die Route, die die Alliierten, genauer die US-Truppen,nach der Landung in der Normandy 1944 genommen haben, um gegen Paris vorzustoßen.
Das Rad fährt ganz von allein nach Chartres. 27 km (!!!) vor der Stadt sehe ich zum ersten Mal die Kathedrale. Das ist sicher noch der gleiche Anblick wie die letzten 800 Jahre.
Wenn man genau hinschaut sieht man sie ziemlich deutlich. Das muss für viele 100 Jahre ein absolut unglaublicher Anblick gewesen sein!
Und die Kathedrale fliegt nur so auf mich zu. Es ist noch nicht ganz 14:00, da bin ich schon in der Stadt. 30 km rauf, 10 km oben 30 km runter. Wahnsinn!
Chartres ist natürlich ein Touri-Hotspot erster Klasse. Aber im Prinzip ist es die Kathedrale, das 10.000 Einwohner Örtchen ist übersichtlich. So muss es früher auch schon gewesen sein. Karl der Kahle hat schon für die 1.Kirche an dieser Stelle für ein absolutes Pilger-Highlight gesorgt. Die Sancta Camisia, das hl. Hemdchen, der Jungfrau Maria, welches sie trug, als der Erzengel Gabriel ihr "die Botschaft"(!) brachte. Ob er es war, der das Stöffchen als Souvenir mitgenommen hat, oder wie ist Karl der Kahle an die Tunika gekommen?
Auf jeden Fall ist der Bau aus dem 12.Jahrhundert, die hochgotische Kathedrale schlechthin. Nein, ich fange jetzt nicht an, alle Bilder zu kommentieren, die ich an diesem Nachmittag gemacht habe. Am beeindruckendsten ist die Kirche derzeit von außen. Da gibt es wahrlich genug zu entdecken. Innen sind sie schwer am restaurieren. So dass kein Eindruck von der Größe des Innenraums entstehen kann. Auch von den tollen Fenstern, werden viele gerade wieder auf Hochglanz gebracht.
Aber es gibt immer noch genug zu sehen!! Besonders gut gefallen haben mir die Steinmetzarbeiten im Chorumgang. Die gesamte Passionsgeschichte in endlosen Figurenkonstellationen - sagenhaft!
Aber der Besuch der Kathedrale von Chartres hat mich unterm Strich doch etwas enttäuscht. Worauf ich mich schon seit langem gefreut habe, endlich das "Labyrinth von Chartres" live zu sehen, war unmöglich. Warum? Die Dösbaddel haben es für wichtiger befunden für irgendeine rammdösige Leidsho den Innenchor zu bestuhlen! Die haben doch nicht Alle!!
Man hat es zwischen den nurStühlen erahnen können. Es gibt wahrlich nicht mehr viele Labyrinthe in Kirchen, die so gut erhalten sind wie das von Chartres - eine absolut spannende Geschichte - und die Hammballe stellen Stühle drauf. Bodendekorationen dieser Art wurden , vor allem im 16.und 17. Jahrhundert schwer kritisiert und vielerorts zerstört, weil die "Gläubigen" zu gern, "sinnlos im Kreis gegangen seien. Dabei könnte es ja eine Art Meditation gewesen sein - bei der es darum ging ins "Innerste" zu kommen.
Das "Innerste" dieses Labyrinths eine große Kupferplatte, fehlt allerdings auch. Die wurde nach der Französischen Revolution eingeschmolzen - und zusammen mit den Glocken zu Kanonen verarbeitet (!).
Damit Ihr trotzdem einen Eindruck bekommt, was in Chartres zur Zeit so wenig Wertschätzung erfährt, hier die abfotografierte Postkarte:
Ist das nicht grandios!!
Doch der Aufenthalt im Städtchen war insgesamt sehr erfreulich. Abgesehen vom guten Kaffee, konnte ich die Lücken im "Kartenmaterial" für den Rest der Reise füllen. Die 6 bereits abgefahrenen Karten gehen demnächst zur Post.
Im Touristenbüro habe ich sogar eine sehr schöne Broschüre bekommen, die Morgen sehr hilfreich sein könnte.Das "Straßenbuch für Velo-Pilger"!! Da Chartres natürlich auf dem Hauptweg nach Santiago de Compostella liegt, und es natürlich inzwischen auch erlaubt ist mit dem Fahrrad zu pilgern, ist die für Morgen geplante Strecke, von Chartres nach Rambouillet wunderbar dokumentiert - ich fahre sie, logisch, "verkehrt herum" ab und wie es scheint, habe ich wieder ein Flüsschen als Begleiter "L´Eure".
Von der ich vorhin, auf dem Weg zum Hotel schon einen sehr positiven Eindruck gewinnen konnte.
Wenn ich das richtige einschätze, dann sind die "Bergtouren" für dieses Jahr passé!
Eire, Seine, der sagenhafte Ourcq-Kanal, dann die Marne, dann der Marne-Rheinkanal und dann der Rhein. Liebe Flüsse seid meine Begleiter und weist mir den Weg!!!
Als dann, bis Morgen!!















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